Der Finanzplatz Frankfurt im Standortwettberwerb

„Wir haben einen besseren, weil freieren Ordnungsrahmen als andere Länder.“

Ein Redaktionsgespräch der Zeitschrift für das gesamte Kreditwesen
mit Dr. Lutz Raettig

Erschienen am 1. Juli 2011 in der Ausgabe 13-2011
(Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung)

Die vergleichsweise tiefe Verankerung der deutschen Finanzbranche in der Realwirtschaft hat sich aus Sicht von Lutz Raettig in der Finanz- und Wirtschaftskrise als starke Stütze des Finanzplatzes Deutschland erwiesen. Und bei allem Hang der deutschen Politik zu einer überkorrekten Umsetzung der europäischen und internationalen Regulierungsvorgaben lobt der Sprecher des Präsidiums der Standortinitiative Frankfurt Main Finance und Aufsichtsratsvorsitzende der Morgan Stanley Bank AG im Redaktionsgespräch den weitgehend freien und nach außen orientierten Ordnungsrahmen des Standorts. Bei aller Bedeutung Frankfurts für das Kapitalmarktgeschäft und als attraktiver Platz für ausländische Finanzdienstleister billigt er für bestimmte Arten von Transaktionen auch anderen lokalen Zentren eine wichtige Rolle zu. (Red.)


Welchen Stellenwert hat der Finanzplatz Deutschland heute im internationalen Vergleich?
Der Finanzplatz Deutschland hat international eine sehr starke Stellung, weil er sich auf eine große und erfolgreiche Wirtschaft gründet. Das unterscheidet ihn von vielen anderen Standorten. Das betrifft erstens die funktionierende Verbindung von Real- und Finanzwirtschaft. Unser Bankensystem erfüllt außerordentlich gut die Grundfunktionen, die eine große, national wie international stark verwobene Volkswirtschaft braucht. Das fängt an bei Leistungen für Exportfinanzierung und für die Infrastruktur in Deutschland wie im Ausland. Es geht über die Einbettung in das internationale Finanzsystem und die Refinanzierungsseite bis hin zur Intermediationsfunktion für die Staatsfinanzierung mit den wichtigen Beispielen KfW, Post, Bahn und Bund. Hinzu kommen nicht zuletzt Equity Transaktionen: Fast alle Kapitalerhöhungen der Dax- Unternehmen werden zu mehr als der Hälfte im Ausland platziert, gerade für den Bankenbereich gilt das regelmäßig. All diese Anforderungen hat das deutsche Bankensystem auch unter Einschaltung von ausländischen Banken sehr gut gelöst – übrigens auch im Bereich der Landesbanken, die heute so stark im Gerede sind. Statistisch wickeln die Landesbanken 20 Prozent des gewerblichen Kreditgeschäftes ab. Wenn man dies abschaffen will, muss erst einmal klar gemacht werden, wie man das bei der tendenziellen Unterkapitalisierung im deutschen Bankensektor in kurzer Zeit absorbieren will. Der zweite Aspekt sind die vielen anlagebereiten Mittel, die eine prosperierende Wirtschaft kreiert. Sie zu verwalten und anzulegen lockt seit vielen Jahren ausländische Finanzdienstleister an.

Ist Deutschland also eher ein Krisengewinner?
Von der Sache her ja! Das deutsche Bankensystem hatte zwar das Pech, gleich zu Anfang von der Finanzkrise betroffen zu sein. Aber das war nur ein Zufall. Hierzulande ist keine Bank umgefallen, auch wenn die IKB, die HRE und einige kleinere Institute heftig ins Straucheln geraten sind. Letztlich hat das Bankensystem sich aber selbst geholfen, und zum Teil wurde ihm staatliche Hilfe gewährt. Selbst der Ausfall der deutschen Einheit von Lehman Brothers auf der Einlagenseite konnte unter Einbeziehung staatlicher Institutionen im Refinanzierungsbereich von dem Einlagensicherungssystem der privaten Banken geschultert worden. Der Pfandbrief ist als Refinanzierungsinstrument mit einigen Anstrengungen erhalten geblieben. Und die deutsche Börse ist als globales System gesehen stärker denn je positioniert.

Welche Vorteile können Deutschland und Frankfurt in die Waagschale werfen?
Unsere Wirtschaft ist mehr nach außen orientiert und wird viel weniger gelenkt als das in anderen großen europäischen Ländern der Fall ist. Zudem haben wir hier einen besseren, weil weitgehend freien und mehr nach außen orientierten Ordnungsrahmen. Dieser ist wesentlich unpolitischer als etwa in Frankreich und Italien; und ich habe sogar den Eindruck, dass nach der Finanzkrise selbst in UK derzeit die Regulierung enger ist. Zwar hatten einige kontinentaleuropäische Finanzplätze angesichts ihrer zentralen Strukturen ursprünglich eine bessere Ausgangslage, aber die Verbesserung der Qualität und der Leistungsfähigkeit, die in diesen Ländern auf der Verdichtung beruht, kam in Deutschland aus dem Markt heraus. Speziell die deutschen Banken sind aufgrund der Diversität der Expansion der Realwirtschaft in verschiedenen Bereichen vor besondere Anforderungen gestellt worden und haben diese gut bewältigt. Nützlich war dabei sicher das Universalbanksystem, das alle Produktanforderungen unter einem Dach abzudecken suchte.

Wie bewerten Sie die Rolle der ausländischenBanken in Deutschland?
Die Auslandsbanken schätzen den Standort sehr. Wenngleich sich das eine oder andere Institut sicher ein wenig mehr dokumentäres Geschäft wünscht und der Retailmarkt unbestritten schwierig ist, entwickelt sich auch die Ertragsseite ganz gut.

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