Führender Börsenplatz im internationalen Anleihegeschäft

Die alte Börse von 1843, Stahlstich von J. F. Dielmann*
Die Internationalität des Frankfurter Finanzplatzes beruhte bis ins 18. Jahrhundert wesentlich auf den weitreichenden Geschäftsverbindungen seiner großen Speditionshandelshäuser bzw. auf dem Wechselgeschäft. Sie stieg sprunghaft, als in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts das Staatsanleihegeschäft zur wichtigsten Spezialität des Frankfurter Finanzplatzes avancierte. Hintergrund war die Neuerung der Emissionsanleihe, die die Schuldverschreibung stückelte und handelbar machte. Angesichts des großen Kreditbedarfs der auf ihre Machtentfaltung bedachten absolutistischen Staaten eröffnete die Anleihefinanzierung den kapitalstarken und nunmehr weitgehend vom Handelsgeschäft emanzipierten Frankfurter Bankiers einträgliche Betätigungsfelder.

Kurszettel der Frankfurter Börse, 1727*
Frankfurter Bankiers, insbesondere das Bankhaus Bethmann, das Bankhaus Metzler und das jüdische Bankhaus Mayer Amschel Rothschild, das zu Beginn des 19. Jahrhunderts dank seiner internationalen Verbindungen diesen Markt beherrschte, emittierten große Anleihen für Österreich, Preußen sowie weitere deutsche und europäische Staaten. Mitte des 19. Jahrhunderts waren zahlreiche amerikanische Emissionen hinzugekommen, für die Frankfurt neben London in Europa führend war. Die Bankhäuser betreuten nicht nur die Emittenten, sondern auch die Anleger, und entwickelten neben dem Depot- auch das Kontokorrentgeschäft mit europaweiten Korrespondenzbeziehungen.
Herausgefordert wurde Frankfurts Stellung als wichtigster deutscher Finanzplatz jedoch durch die politische Dynamik der deutschen Einigung und die wirtschaftliche Dynamik der Industrialisierung und damit verbundener neuer Finanzierungsformen. Im Zuge der unter Preußens Führung vorangetriebenen Währungsvereinheitlichung und mit der Errichtung der Reichsbank bald nach der Reichsgründung verlor Frankfurt nach und nach den eigenen währungs- bzw. geldpolitischen Spielraum und die damit verbundenen Geschäftsmöglichkeiten zugunsten der Hauptstadt des neugegründeten Deutschen Reichs. Berlin entwickelte sich zudem zum wichtigsten Markt für Aktienwerte, der spätestens mit dem Aktienboom der Gründerzeit große Dynamik entwickelte. Erst spät erkannten viele Frankfurter Bankiers die rasante Entwicklung der Aktie als neue Anlageform. Gleichwohl gab es Privatbankiers, die die Zeichen der Zeit frühzeitig erfasst haben. So war die Frankfurter Privatbank Grunelius & Co. bereits seit Mitte des 19. Jahrhunderts an einer Reihe von Bank- und Industriegründungen in und um Frankfurt beteiligt, darunter die Frankfurter Bank im Jahre 1854. Die Bereitschaft Frankfurter Bankiers, neue Wege zu gehen, zeigte sich auch in der Gründung der auf Aktienbasis errichteten Frankfurter Hypothekenbank Anfang der 1860er Jahre, der ersten spezialisierten Hypothekenbank Deutschlands. Frankfurter Bankiers waren zudem an der Gründung weiterer bedeutender Aktienbanken außerhalb Frankfurts beteiligt. Ebenso gibt es gewichtige Beispiele für ihr Engagement in der Industriefinanzierung.1888 brachten die Frankfurter Bankhäuser Georg Hauck & Sohn sowie J.J. Weiller Söhne die Farbwerke Höchst an die Börse und legten damit den Grundstein für deren Aufstieg zum Weltunternehmen. Der Rückstand zur Berliner Börse als neue Leitbörse war zwar nicht mehr aufzuholen, doch vermochte es Frankfurt, seine Stellung als zweitwichtigster Börsenplatz im Deutschen Reich nachdrücklich zu behaupten.
Die in Frankfurt weiterhin dominierenden Privatbankhäuser wurden jedoch durch die Berliner Aktienbanken, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts ihre Präsenz außerhalb Berlins ausbauten, zunehmend an den Rand gedrängt. Nicht nur waren die Berliner Großbanken an Kapitalkraft überlegen, sondern sie wurden letztlich auch durch die Börsengesetzgebung bzw. die Besteuerung der Börsengeschäfte begünstigt, die den Privatbankhäusern zu schaffen machte. Dies beschleunigte die Konzentrationsbewegung im Bankengewerbe zur Jahrhundertwende.
Gleichwohl erlebten einige Frankfurter Bankhäuser wie Lazard Speyer-Ellissen und J.S.H. Stern in der Zeit der Weimarer Republik eine Hochphase. Dank ihrer zum Teil auf Familienbindung basierenden Auslandsbeziehungen konnten sie angesichts der Währungszerrüttung dringend benötigtes Auslandskapital nach Deutschland holen.
Diese Entwicklung wurde jedoch durch die Weltwirtschafts- und Finanzkrise und nachfolgende währungspolitische Reglementierungen jäh unterbrochen. Manche Frankfurter Privatbankhäuser mussten in Liquidation gehen, zahlreiche andere Privatbankhäuser, die oft jüdischen Ursprungs waren, wurden in der NS-Zeit schließlich Opfer der so genannten „Arisierung“. Davon waren auch traditionsreiche Häuser wie Lazard Speyer-Ellissen, J. Dreyfus & Co., Bass & Herz und Jacob S.H. Stern betroffen.
*Bildquelle: historisches museum frankfurt


